Mycoplasmeninfektionen durch Fehler im Bestandsmanagement

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Mycoplasmeninfektionen durch Fehler im Bestandsmanagement

Fallbeispiel aus der Praxis

Der Betrieb

Ein Fresseraufzuchtbetrieb mit 50 Kälbern je Gruppe im Warmstall auf Spalten mit Eimertränke.

Im Jahr 2019 kam es über Monate hinweg vermehrt zu Mittelohrentzündungen mit Kopfschiefhaltung bei den Kälbern. Diese Tiere blieben in der folgenden Mast deutlich zurück und waren anfällig für erneute Atemwegsinfektionen.

Im Stall fiel eine schlechte Luftqualität mit zu hoher Luftfeuchtigkeit auf. Dieses Problem ließ sich schnell durch eine Änderung der Lüftungseinstellung ändern. Die Durchflussrate an den Tränkenippeln erschien zu gering und wurde erhöht. Weiterhin wurde die Milchphase von 30 auf 42 Tage erhöht, um die Kälber stabiler zu bekommen.

Zur Klärung der Ursache wurden beim ersten Bestandsbesuch fieberhaft erkrankte Tiere beprobt. Die Ergebnisse der Untersuchungen bestätigten den Verdacht, dass es sich hier um Mycoplasmen-Infektionen handeltete. Daneben konnten noch Pi3 und Pasteurellen nachgewiesen werden.

Ergebnis der labordiagnostischen Untersuchung vom Nasentuper des erkrankten Kalbes
Klinisches Bild einer Otitis media mit Kopfschiefhaltung

Postmortale Diagnostik in der Sektionshalle 

Behandlungsplan 

Anhand der Befunde wurde ein neues Impfregime für den nächsten Durchgang erstellt. Die Kälber werden jetzt zweimalig intramuskulär gegen BRSV und Parainfluenza geimpft. Eine dritte BRSV Impfung schützt die Fresser zusätzlich im weiteren Verlauf der Bullenmast. Weiterhin wurde ein neues Behandlungsschema erstellt, das speziell gegen Mycoplasmen ausgelegt ist. 

Die durchgeführten Maßnahmen zeigten schnellen Erfolg, so dass kaum noch Einzeltiere akut behandelt werden müssen und sich die Kälber einheitlicher entwickeln. Mittelohrentzündungen traten bis dahin nicht mehr auf. 

Das Fallbeispiel zeigt, dass sich Mycoplasmeninfektionen häufig durch eine Optimierung des Betriebsmanagements und angepasste Behandlungen bzw. Impfungen deutlich reduzieren lassen. 

Linke Lungenhälfte vom Kalb: Schwerwiegende Pneumonie, bei der oblitierende, eitrige Bronchiolitiden und multiple Nekroseherde im Lungenparenchym vorliegen. Diese käsigen Nekrosen wurden verursacht durch einen hgr. Befall von Mycoplasma bovis. 

Der Erreger 

Mycoplasmen sind Bakterien mit vielen unterschiedlichen Subtypen. Sie besitzen im Gegensatz zu anderen Bakterien keine Zellwand, was zu einer natürlichen Resistenz gegenüber Antibiotika führt, die in die Zellwandsynthese eingreifen (z.B. β-Laktam Antibiotika wie Amoxicillin). Mycoplasma bovis gehört zu den pathogensten Mykoplasmenarten für das Rind. Sie führen bei Kälbern zu unterschiedlichen entzündlichen Pneumonien und teils sogar schwerwiegenden Nekrosen mit einhergehenden Lungenläsionen. Weitere klinische Anzeichen neben Pneumonien sind Arthritiden, Mastitiden oder Mittelohrentzündungen, die durch Mycoplasmen hervorgerufen werden können. 

Mycoplasmen werden auch bei klinisch gesunden Kälbern in den oberen Atemwegen nachgewiesen. Kommt es zu einer Schwächung des Immunsystems durch Stressreaktionen, Fehler im Bestandsmanagement oder durch andere pathogene Erreger, wie z.B. BRSV oder Pasteurellen, können sich Mycoplasmen ausbreiten und Infektionen hervorrufen (Bovine Respiratory Disease Complex). M. bovis wird als primärer Wegbereiter für andere, bakterielle Keime wie Pasteurella multocida, Mannheimia haemolytica, Histophilus somni und Arcanobacterium pyogenes häufig übersehen, da eine Isolierung von M. bovis spezielle Nährmedien erfordert und dieser Erreger in der Routinediagnostik daher häufig nicht erfasst wird. 

Einige Mykoplasmen zeigen eine ausgeprägte Variabilität der Oberflächenproteine (variable surface proteins), die zu einer ständigen Änderung antigener Strukturen führt, wie sie beispielsweise für Mycoplasma hyorhinis und M. bovis beschrieben wurden. Dieses Phänomen erschwert es dem Immunsystem zu einer schnellen und vollständigen Heilung zu kommen. Belastend kommt hinzu, dass M. bovis in der Lage ist die Immunabwehr des Wirtes zu hemmen. Mittels 13 verschiedener Adhäsionsmoleküle kann es an die Wirtszelle docken und diese negativ beeinflussen. 

Mykoplasmen sind Erreger mit einem hohen Ansteckungspotential in der Herde, insbesondere als Mastitiserreger in Milchviehbeständen. Schon geringe Erregerzahlen genügen, um lang andauernde subklinische Euterentzündungen oder auch akute Euterentzündungen auszulösen. Typische Anzeichen sind plötzlich viele infizierte

Querschnitt Lunge: Katarrhalisch-eitrige Bronchopneumonie mit käsiger Nekrose verursacht durch Mycoplasma bovis 

Tiere in einer Herde mit klinischen Mastitiden ohne Störung des Allgemeinbefindens. Eine erhöhte Zellzahl kann auch eine Infektion andeuten. Bei trockenstehenden Kühen verläuft die Infektion meist unerkannt, kann aber nach dem Abkalben in die akute Phase übergehen. Therapeutisch werden nur sehr schwer bzw. keine Heilungserfolge erzielt. Spontanheilungen sind möglich, jedoch können diese Kühe subklinische Ausscheider bleiben und sollten als permanent infiziert betrachtet werden. Der wesentliche Risikofaktor für die Einschleppung von M. bovis in Milchviehbestände ist der Zukauf von infizierten Kälbern, Färsen und Milchkühen. Innerhalb eines Betriebes wird M. bovis über die Luft, die Milch erkrankter Kühe und über infiziertes Sperma übertragen. Für die Kälber besteht ein Gesundheitsrisiko durch das Vertränken von infizierter Milch. Daher sollte Milch, die mit Hemmstoffen oder Mastitiden belastet ist, auf keinen Fall an Kälber vertränkt werden. Weiterhin kann durch infiziertes Kolostrum oder nicht pasteurisierte Milch eine Übertragung von Mutter auf das Kalb stattfinden. Der klinische Ausbruch beim Kalb zeigt sich häufig auch erst Wochen später und kann insbesondere nach dem Transportstress und Zusammenstallen mehrerer Kälber aus unterschiedlichen Betrieben zu Problemen führen. 

Ein kommerzieller Impfstoff ist in Deutschland derzeit nicht verfügbar. Der Einsatz von stallspezifischen Bestandsvakzinen ist schwierig, da es zahlreiche Stämme von Mycoplasmen gibt und der Impfzeitpunkt in spezialisierten Betrieben meistens zu spät ist. 

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